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Zigeunerin Zschäpe

17 Februar 2013

Bild: Sintezza im KZ Ravensbrück

[Sintezza im Konzentrationslager Ravensbrück]

Seit ein paar Monaten ruft mich eine Sächsin mit sexy Stimme an. (Sie stöhnt aber nicht.) Zum Glück nur alle paar Wochen.

Alle Gespräche verlaufen nach demselben Schema. Erst pustet SsS Puderzucker durch die Leitung. Ich muss eine Staubmaske aufsetzen. Dann klärt sie mich auf. Dann will sie etwas von mir. Zum Schluss lässt sie wieder ihren Charme spielen.

SsS scheint mich genau zu kennen. Wie eine Vertriebsbeauftragte nennt sie routiniert meinen Namen – mit Titel. Ihren Namen aber will sie auf keinen Fall offenbaren. Sie hat mir strengstenz verboten jemandem auch nur das Geringste von ihren Anrufen zu erzählen. Das ist der Grund, weshalb ich diesen Artikel schreibe.

Am letzten Mittwoch oder Donnerstag:

Nach der gewöhnlichen Tonne Puderzucker produziert SsS einen Wortschwall, den ich nicht verstehe, nur dass immer wieder die Wörter „Zigeuner“ und „Zschäpe“ vorkommen. Schließlich frage ich, ob sie ausdrücken wolle, dass Beate Zschäpe vom einem Zigeuner abstamme.

– „Die ganze Sippe!“ schreit SsS. Ich müsse nur hinsehen.

Bild: Carmen Zschäpe

[Da!!! Ein anthropologisches Gutachten beweist: Zschäpe ist Carmen.]

Ob auch Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos Zigeuner gewesen seien? Denn die beiden hätten mit ihren abstehenden Ohren wie der Pink Panther ausgesehen.

Bild: rosaroter Panther

[Ausschnitt aus einer anthropologischen Rassentafel: der Idealtypus des Zigeuners]

– „Nein, die waren Deutsche“, sagt SsS. Aber sie waren der Zigeunerin hörig.

Als ich einwende, „Zigeuner“ sei ein verpöntes Wort, klärt SsS mich rassekundlich auf:

– „Die Sinti sind die Zigeuner mit der helleren Haut. Sie sind schlanker und leben schon länger bei uns. Die Roma sind dunkler und breiter.“ Besonders viele Zigeuner gebe es zwischen Stuttgart und Freiburg.

Die Schwaben! Endlich die Wahrheit: Der Chamissoplatz in Berlin ist zum Zigeuner-Getto verkommen. Weiter SsS:

– „Und natürlich in Marburg.“ Nun weiß ich endlich, wer immer meine Haustür eingeschlagen hat.

SsS trägt dick auf. Ob ich denn wisse, dass die SS die Zigeuner gehegt hätte, um jemanden für die dreckigen Arbeiten zu haben?

– „Die wissen, wie man einbricht und wie man stiehlt.“

Wie sehr die SS die Zigeuner geschont hätte, könne ich daran sehen, dass in den KZs „fünf oder sechs Millionen Juden“ umgebracht worden seien, aber „nur zwanzigtausend Zigeuner.“ Als ich frage, warum die zwanzigtausend, anwortet SsS, schließlich habe die SS „der Blutvermischung Einhalt gebieten müssen“.

Auch in Bezug auf die Gegenwart gibt sich SsS bestens informiert:

– „Die schicken ihre Kinder in die Kinderbordelle.“

und spielt auf das Jasmin in Leipzig an. „Überall“, wo Verbrechen geschähen, steckten Zigeuner dahinter. Auf meinen verzagten Einwand, in jedem Volk gebe es Verbrecher, weist SsS mich zurecht:

– „Ja, in jedem Volk. Bei den einen mehr, bei den anderen weniger.“

Zum krönenden Abschluss kommt SsS auf den Fußball zu sprechen, wo die Zigeuner hinter dem Wettgeschäft steckten. Besonders schlimm sei es bei

– „Dynamo Dresden, wo der ehemalige Justizminister Mackenroth Präsident ist.“

– „Aaaah“, antworte ich, „Folter-Macke, den kenne ich. Ist der auch Zigeuner?“

– „Nein, der ist Arier.“ (SsS sagt tatsächlich „Arier“.)

– „Da bin ich aber beruhigt.“ Immerhin geht der ausgezeichnete Ruf, welchen die deutsche Justiz überall in der Welt genießt, darauf zurück, dass die überwältigende Mehrheit aller deutschen Richter Arierinnen und Arier sind.

Bild: Geert Mackenrodt

[So schön ist er: der echt deutsche Mensch.]

Endlich äußert SsS ihren Wunsch: Ich solle im Internet „möglichst vom Ausland aus“ ein „schwarzes Brett“ einrichten, wo jeder sein „Wissen über Zigeuner“ anonym eintragen könne.

– „So kommt eines zum anderen,“ erläutert sie. Ich zeige mich unlustig und sage SsS, das mit dem schwarzen Brett könne sie selbst tun.

– „Ich bin keine Informatikerin.“ Wie sie beim Anrufen die Übermittlung ihrer eigenen Telefonnummer unterdrückt, weiß sie aber doch.

Ich dringe auf Beendigung des Gesprächs. SsS lässt noch einmal ihren fraulichen Zauber aufblitzen. Mit süßester Stimme:

– „Passen Sie gut auf sich auf!“ und interessiert sich herzlichst für die Konstruktion meiner Haustür.

Falls SsS noch einmal anruft, könnte ich sie fragen, ob sie nicht Siegfried Wilhelm heißt.