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Spatz beleidigt Polizeibeamten

14 Juni 2008

Prozessbericht von Susanne Buchmann aus dem Kriminalgericht Berlin-Tiergarten:

Sternlein wichtiger als (legale) Verbrechen.

Am 6.3. des Jahres 2007 wurde

der Arzt und ehemalige Bezirksamtsleiter von Berlin-Steglitz, Johannes Spatz, zu stolzen 15 Tagessätzen Knast wahlweise Abzocke von über 1000 Euro verdonnert. Und das kam so:

Der Verband der Zigaretten-Industrie, der sich erst aufgelöst hat und jetzt anders heißt, veranstaltete am 28.3. 06 ab 18 Uhr eine „festliche“ Mief-Qualmerei, zu der viele Lobbyisten- und andere Schwachstromfuzzis geladen waren.

Genauso geladen war aber auch Dr. Johannes Spatz sowie vier Mitglieder des Forum rauchfrei, denn wie viele Andere, die sich aber nichts zu tun trauen, haben sie etwas gegen jenen stinkenden, giftigen und Tropenwald vernichtenden Tabak-Mief, mit dem der Staat sich traditionell geldlich auszupolstern pflegt.

Nun hatten Dr. Spatz und seine Mitstreiter- einer über achtzig und schwerst gehbehindert, ihre Flugblatt-Verteil-Aktion ordnungsgemäß angemeldet und waren deshalb mit Polizei-Begleitung beglückt worden.

Diese Polizeibegleitung aber hatte nichts Besseres zu tun, als die Teilnehmer der friedlichen Kundgebung wie Hooligans einzukesseln, um sie möglichst weit von der festlichen Mief-Qualmerei fernzuhalten, am besten so weit, dass sie mit ihren Flugblättern gar nicht mehr zu sehen waren.

Als im Zuge dieser Verdrängungstaktik ein Ordnungshüter sich den schwerst Gehbehinderten vornahm, um ihn von dem Geländer wegzuschubsen, an dem er sich festhielt, platzte Herrn Dr. Spatz, der sonst seine Worte wohl zu wägen weiß, der Kragen, und er wünschte den Einsatzleiter zu sprechen.

Und jetzt kommt’s: Der Demonstrationsteilnehmer am Geländer, dem solches widerfuhr, ist inzwischen gestorben, aber darum ging es in dem sehr langatmigen zweitägigen Prozess überhaupt nicht: Nein, Herr Spatz machte dem Schubser gegenüber die folgenschwere Bemerkung: „Sie haben zu wenig Sterne an der Mütze“ .

Ersparen will ich dem Leser das Herumgeeiere um die Frage, wo ein Polizist seine Sterne hat, ob am Ärmel oder an der Mütze, obwohl dies während des Prozesses ausführlich diskutiert wurde, und zwar am zweiten Verhandlungstag, vier Wochen nach dem ersten, an dem die Richterin noch einen ganz vernünftigen Eindruck zu machen schien.

Am zweiten Tag aber, wo auch der Schubser und die Einsatzleiterin als Zeugen vernommen wurden, war ihr wohl irgendetwas nicht gut bekommen, denn sie kriegte eine Krise, als sie einen Prozessbeobachter beim Mitschreiben erwischte, den sie anschließend ausgiebig anzischte.

Ein weiteres Highlight war die Zeugenaussage der Einsatzleiterin, denn die verplapperte sich, indem sie zugab, Anweisung „von oben“ gehabt zu haben, die Demonstranten von dem Miefia-Fest fernzuhalten.Aha.

Daraufhin kam der Schubser, also, der, um dessen Sternlein es ging, in den Zeugenstand und kehrte den Beleidigten heraus. Auf mich wirkte das schlecht einstudiert, wie er so dastand und sagte, er fühle sich beleidigt. Nicht einstudiert, nachgesprochen passt da besser, denn man hatte ja genügend Zeit gehabt, sich zu beraten.

Das tat auch das Gericht und verkündete anschließend, dass es hier nicht um die Daseinsberechtigung der Tabak-Industrie gegangen sei, sondern lediglich um die Frage, ob hier der Tatbestand der Polizisten-Beleidigung gegeben sei, oder wie es in dem bekannten Volkslied heißt: „Weißt du wie viel Sternlein stehen“. Statt des Liedes wurde die Summe für fünfzehn Tagessätze, das sind über tausend Euro, erwähnt und festgelegt.

Nachwort: Was sind schon 3.300 Tote pro Jahr allein in Deutschland, die an den Folgen des Passivrauchens sterben oder besser: mit staatlicher Beihilfe abgemurkst werden, von den ganzen Krankheiten und Allergien ganz zu schweigen, gegen die Frage, ob man die Sternlein an einer Polizei-Uniform zählen soll oder nicht, wenn der Ordnungshüter gerade dabei ist, einen Achtzigjährigen samt Krücken gegen dessen Willen vom Geländer zu pflücken?

Dr. Spatz hat Berufung eingelegt, denn im Knast darf weiterhin kräftig gequarzt werden…