Ich habe einen Fehler gemacht

Papst Benedict XVI

Papst Benedict XVI hat zu einer Zeit, als er noch Chef der Heiligen Glaubenskongregation war, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärt, das Christentum sei bei seiner Gründung das Gleiche gewesen wie die Aufklärung 1600 Jahre später. Die physische Welt-Erfahrung widersprach vor 2000 Jahren den christlichen Lehren nicht. Mohammed hat kurz nach 600 den Arabern erklärt, sie sollten zum Islam übertreten, weil es beim Islam gar nichts zu glauben gebe. Die Lehren des Islam erschlössen sich durch nüchterne Überlegung. In der Tat versuchten die Konkurrenz-Unternehmungen vor 2000 beziehungsweise 1400 Jahren Aufmerksamkeit mit abgeschmacktem Hokuspokus zu erregen: In der einen Religionsgemeinschaft sollten die Männer sich selbst kastrieren, bei anderen sollte man hunds- oder schlangenköpfige Gottheiten anbeten etc..

Auch erfolgreiche Religionen verschleißen. Z.B. ist die Schöpfungsgeschichte, die das Christentum über das Judentum aus dem Babylonischen übernommen hat, nicht mehr haltbar. So ist die Frage spannend, was sich als nächste Religion durchsetzen wird. Klar muss es etwas sein, was jetzt wie Aufklärung wirkt. Höchstes Entzücken meinerseits hat darum die Bebilderung eines Musikstücks „Mea Culpa“ von David Byrne und Brian Eno erregt.

Ein Typ namens Bruce Connor hat einen altmodischen Lehrfilm über Physik zerschnitten, die Stücke in verkehrter Reihenfolge zusammengeklebt und dieses Machwerk benutzt, um „Mea Culpa“ zu illustrieren. Der altmodische Lehrfilm ist allerdings exzellent. Nur werden die meisten Zuschauer nicht wissen, was die Stücke bedeuten. Hier wird es erklärt:


00:09 Von einem 2-dimensionalen Objekt zu einem 1-dimensionalen, vom 1- zum 0-dimensionalen.
00:32 Moleküle in einem verdünnten Gas.
00:41 Elektronen steigen von der Kathode zur Anode (+) auf. Nicht alle schaffen es.
00:50 Kondensierung eines Gases an einer kalten Wand.
01:10 Die Energie eines idealen Gases hängt von seinem Volumen nicht ab.
01:14 Ein etwas dichteres Gas.
01:45 Verhalten von Molekülen beim Schmelzen eines festen Körpers.
02:21 Gegenseitige Vernichtung von Plus und Minus
02:26 Huygens‘ Prinzip: Eine Welle breitet sich aus, indem jeder Punkt dieser Welle eine Elementarwelle erzeugt. Die neue vollständige Welle erscheint als Einhüllende aller Elementarwellen.
02:45 Moleküle in einer Flüssigkeit.
02:55 Hitze verstärkt die Bewegung der Moleküle
03:06 Ein gerichteter Strom von Elektronen lässt eine Lampe glühen.
03:21 Hitze erzeugt Auftrieb durch Verdünnung des Gases.
03:42 Moleküle in einem dichten Gas nahe der Verflüssigung.
03:52 Brownsche Bewegung: Makroskopische Teilchen zittern ein wenig, wenn sie von Molekülen gestoßen werden.
04:25 Die Lichtstrahlen stehen senkrecht auf den Wellenfronten; siehe Huygens‘ Prinzip um 02:26.

http://www.myvideo.de/embed/4296354
Brian Eno + David Byrne : Mea Culpa

Physik ist eindeutig die bessere Religion. Am offensichtlichsten ist das in der Szene, die am häufigsten wiederholt wird: Micky-Maus-Elektronen steigen von der Hölle (der heißen Kathode) in den Himmel (die Anode mit einem + als Zeichen der Erlösung).

Das Mea-Culpa-Filmchen ist trotz mäßiger Klickraten heftig umkämpft und wurde in den vergangenen Jahren immer wieder gelöscht. Anscheinend hat der Rechte-Inhaber EMI jetzt mit Youtube (d.h. Google) abgesprochen, dass das Filmchen nur von gewissen Websites gezeigt werden kann. WordPress ist eine solche Website.

Wir kommen jetzt zum justizkritischen Teil dieses Artikels.

Die Idee zu ihrem Mea-Culpa-Musikstück bekamen Byrne und Eno beim Abhören einer vermutlich illegal mitgeschnittenen Radiosendung 1979. Beim Interview eines Politikers durften ZuhörerInnen anrufen und den Politiker direkt befragen. Ein empörter Zuhörer machte dem Politiker Vorwürfe, worauf dieser antwortete:

Es tut mir Leid. Ich sündigte. Ich habe einen Fehler gemacht. Ich bat Sie mir zu verzeihen. Bitte verzeihen Sie mir. Mea Culpa [es ist meine Schuld], können Sie es besser ausdrücken? Ich sage: Es tut mir Leid, ich habe einen Fehler gemacht, ich machte, ich beging eine Sünde. Ich habe einen Fehler gemacht und will es nie wieder tun. Ich habe es niemals zuvor getan und werde es nie wieder tun […]

Englisch:

I’m sorry. I committed a sin. I made a mistake. I asked to forgive me. Please forgive me. Mea Culpa, can you put it better? I’m saying I’m sorry, I made a mistake, I made I committed a sin, I made a mistake and I’m never gonna do it again. I never did it before and I’m never gonna do it again […]

Fast das ganze Mea-Culpa-Musikstück besteht aus dem wütenden Gezeter des Anrufers und dem sich endlos wiederholenden Entschuldigungssermon des Politikers. Das sind beste Grundlagen für repetitive Musik.

Zu Herzen gehende Entschuldigungen sind ein wichtiges Mittel der Politik. Karl-Theodor von und zu Guttenberg hat es damit versucht:

„Ich habe weder bewusst noch vorsätzlich getäuscht“, hält Guttenberg dagegen. Wer anderes behauptet, betreibe üble Nachrede. „Ich habe mehrfach gesagt, dass ich diese Doktorarbeit selber geschrieben habe“, sagt der Minister – seine Stimme geht in höhnischen Spottrufen unter. […] Er habe sich „aufrichtig und von Herzen entschuldigt“, betont Guttenberg – und fügt blumig hinzu: „Ich wiederhole das gerne in diesem hohen Hause.“ Der Minister steht vor seinem Tisch, die Hände erst gefaltet […]

Zeit 23.2.2011

Zu Herzen gehende Entschuldigungen sind aber auch von erfahrenen Verteidigern empfohlene Mittel im Strafprozess. Routinierte Angeklagte können damit lang andauernde Orgasmen bei den Richtern (und Richterinnen) auslösen und so substanzielle Strafmilderung erreichen. Wie ein Richter bei einem gefühlvollen Geständnis in Orgasmus gerät, kann man sehen in der Verfilmung des Prozesses gegen die Attentäter vom 20. Juli 1944:

Um 5:50 fängt einer der Angeklagten zu weinen an. Freislers Stimme wird weich: „Sie weinen! [..]“ und er bekommt den richterlichen Standard-Orgasmus. Die RichterInnen lieben derartige Reue-Kundgebungen, weil sie signalisieren, dass sich der Angeklagte ihnen unterwirft. Gerichtsverhandlungen sind zu großen Teilen Sado-Maso-Spiele.

Ungefährlich sind solche zu Herzen gehenden Geständnisse trotzdem nicht. Der Angeklagte erreicht zwar oft eine Strafmilderung wegen seiner „Einsicht“ und der „günstigen Sozialprognose“. Doch weil der Orgasmus so großen Spaß gemacht hat, steht er bald wieder vor Gericht, um den nächsten Orgasmus auslösen usw.usw.usw..

Der Freisler-Film ist aus vielen Gründen sehenswert. Zum Beispiel der Gänse-Marsch des Gerichts, das Männchen-Machen und das alberne Hütchen-Abnehmen ab 0:54. Derartiges Theater wird heute noch im Bundesverfassungsgericht aufgeführt, nur dass die RichterInnen heutzutage kein Heil-Hilter mehr machen. Freislers Imponiergehabe kann man heute noch in hessischen Gerichten bewundern, aufgeführt allerdings von anderen Schauspielern. Es hat sich wenig geändert. Nur gibt es, EU sei Dank, keine Todesstrafe mehr. Das ist eine sehr wichtige Verbesserung.

Bemerkenswert ist der Freisler-Film auch wegen § 169 Gerichtsverfassungsgesetz, wonach bei Gerichtsverhandlungen nicht gefilmt werden darf. Der obige Freisler-Film wurde produziert, um ihn im Fernsehen und in Kinos vorzuführen. Goebbels hat den Film vor der Ausstrahlung angesehen, ihn als schädlich für die deutsche Justiz erkannt und seine Distribution unterdrückt. Dass am meisten die RichterInnen blamiert würden, wenn Filmaufnahmen ihrer Verhandlungen erlaubt würden, ist bis heute der Grund, weshalb § 169 GVG aufrecht erhalten wird.

Schlagwörter: , , , , , , ,

5 Antworten to “Ich habe einen Fehler gemacht”

  1. LeserIn Says:

    Von wegen Youtube:

    Das hier ist gerade das Star-Video

    Schimpanse schießt auf Soldaten mit Schnellfeuergewehr und bleibt als Sieger allein auf dem Platz

  2. Harry Says:

    Hallo Blögi

    der unterm Decknamen BENEDICTUS XVI. auftretende Scheffe in Rom war weiland im Münsterland WWU-Prof., wurde damals Doc Ratz, später Kardinal in München und dort Pappa Ratzi genannt;-)

    Gruß Harry

  3. Tilman Says:

    Die Geschichte von Freislers Tod und vom Schicksal seines letzten „Kunden“ kann man in wikipedia und Google Books nachlesen – wirklich faszinierend.

  4. hessenhenker Says:

    Zitat: „Nur gibt es, EU sei Dank, keine Todesstrafe mehr.“

    Mein Informationstand ist, daß die in der hessischen Verfassung vorgesehene Todesstrafe (habe mich auf den Job beworben) nur ausgesetzt ist, weil das höhere Bundesrecht (Grundgesetz) das hessische Landesrecht bricht.
    Wenn „höheres“ Recht niederes bricht, haben wir die Todesstrafe aber DOCH, denn die EU hat diese auch in der Verfassung, war doch ewig lang Thema im Internet.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: