Beurteilung wissenschaftlicher Arbeiten

Kernspaltung

[Aus eigener Produktion – Die Erklärung des Sägezahns in der Neutronenmultiplizität bei der asymmetrischen Kernspaltung]


Da ich selbst viel in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht habe, schicken mir die Herausgeber derartiger Zeitschriften Manuskripte anderer Autoren. Ich soll diese Manuskripte lesen und den Herausgebern mitteilen, ob darin Interessantes steht. Über die Annahme der Manuskripte entscheiden die Herausgeber. Doch sie orientieren sich mit Hilfe meiner Berichte, so dass ich die richterliche Tätigkeit aus eigener Praxis kenne. Ich möchte darum beschreiben, was ich tue um zu einem einigermaßen richtigen Urteil zu kommen.


A) Sofort nach Erhalt des Manuskripts lese ich es ein erstes Mal. Ich versuche die Ergebnisse zu verstehen und die Methoden, die dazu benutzt wurden.

B) In den drei bis vier Wochen danach schaue ich gelegentlich in gedruckte Zeitschriften und Bücher, aber auch ins Internet und rede mit Kollegen um herauszubringen, was von den Ergebnissen und Methoden des Manuskripts schon bekannt ist.

C) Danach lese ich das Manuskript sorgfältig. In naturwissenschaftlichen Artikeln ist es üblich mit den Ergebnissen Beweise anzugeben. Von diesen Beweisen überprüfe ich etwa die Hälfte detailliert.

D) Ich fasse meine Beurteilung – mit Begründung – in einem Bericht zusammen und lasse den Bericht ein paar Tage liegen. Die Länge meiner Berichte beträgt ein bis zwei Seiten.

E) Schließlich lese ich das Manuskript ein drittes Mal. Ich prüfe besonders nach, ob ich in meinem Bericht Dinge behaupte, die im Manuskript so nicht stehen.


Die Prozedur ist aufwendig. Ich verüble es darum den Herausgebern, wenn sie mir für meinen Bericht weniger als vier Wochen Zeit lassen. Ich bin zudem nicht in der Lage mehr als zwei Manuskripte gleichzeitig zu bearbeiten.

Aus meinem Bericht ziehe ich eine der folgenden Schlussfolgerungen:


a) Ich erkläre mich für befangen (biased). Da ich selbst in mehreren Feldern der Physik und Mathematik gearbeitet habe, geschieht das ziemlich oft – etwa 20%.

b) Wenn das Manuskript mindestens einen neuen Aspekt und nur geringe Fehler enthält, empfehle ich die Veröffentlichung ohne Weiteres. Ich bitte den Autor, den Herausgeber und die LektorInnen die Fehler ohne meine Kontrolle zu entfernen. Diese Variante ist die angenehmste für mich, da sie am wenigsten Arbeit kostet. Leider tritt sie selten ein – etwa 10%.

c) Wenn das Manuskript mindestens einen neuen Aspekt, aber entstellende Fehler enthält, empfehle ich dem Herausgeber die Fehler vom Autor korrigieren zu lassen und mir das korrigierte Manuskript zu schicken. Wenn das korrigierte Manuskript weniger Fehler enthält als das ursprüngliche, empfehle ich die Veröffentlichung. Die vollständige Korrektur aller Fehler verlange ich nicht. Diese Variante ist am häufigsten – etwa 50%.

d) Wenn das eigentliche Ergebnis im Manuskript erwiesenermaßen falsch oder bereits vollständig bekannt ist, rate ich von der Veröffentlichung ab. Das geschieht zu etwa 20%.


Dass jemand seine Artikel wie der Freiherr von und zu Guttenberg praktisch unverändert von anderen abschreibt oder abschreiben lässt, ist mir noch nicht vorkommen, obwohl ich in Strichproben danach suche. Es kommt jedoch häufig vor, dass die Autoren von sich selbst abschreiben und einen Artikel, den eine Zeitschrift bereits veröffentlicht hat, leicht modifiziert bei einer anderen Zeitschrift unterbringen wollen. Wenn das modifizierte Manuskript mindestens ein neues Ergebnis ergänzt, lasse ich das zu. Handelt es sich aber nur um eine Umformulierung, mache ich den Herausgeber darauf aufmerksam. Es kommt auch häufig vor, dass Hinweise auf inhaltsreiche Vorgänger-Artikel fehlen. Ich fasse das als Fehler auf und dränge auf Ergänzung der Zitate, siehe c) oben.

Die Autoren stehen mir gegenüber in der schwächeren Position. Es verbietet sich daher Kraftausdrücke auf sie anzuwenden. Im Gegenteil: Auch in den Fällen des Abratens d) bemühe ich mich etwas Positives in dem Manuskript hervorzuheben und den Autoren für ihre zukünftigen Arbeiten Erfolg in Aussicht zu stellen, wenn sie sich Mühe geben.


Zwei Fälle habe ich erlebt, die außergewöhnlich waren:

* Ein chinesischer Autor hatte aus zahlentheoretischen Überlegungen die Unmöglichkeit sehr schwerer Atomkerne abgeleitet. Kerne mit Kernladungszahlen ab Z=114 dürfe es nicht geben. Das Ergebnis war falsch. Denn während der letzten Jahre wurden in Russland, den USA und in Hessen (bei der GSI in Darmstadt) superschwere Kerne mit Z=114 bis Z=118 erzeugt und nachgewiesen. Nichtsdestoweniger war das Manuskript schriftstellerisch hervorragend. Anders als die meisten seiner Kollegen hatte dieser Autor die Grundlagen, Folgerungen und sogar die Stelle, an der er die Analogie übertrieb, so klar dargestellt, dass es Vergnügen machte das Manuskript zu lesen. Der Unterschied war markant, weil die meisten Manuskripte verblufft sind, d.h. die Autoren vernebeln ihre meist kümmerlichen Ergebnisse und Überlegungen um sie großartiger darzustellen, als sie sind. Wegen d) habe ich von der Veröffentlichung abgeraten, aber in meinem Bericht die literarische Qualität der Arbeit hervorgehoben.

* Ein mittelasiatischer Autor stellte zwei Formeln vor, die meines Erachtens die Welt verändern werden. Nobelpreise sind schon für weniger vergeben worden. Der Haken war: Die Formeln waren strukturell richtig, aber in physikalischen Details falsch. Auch der Beweis wimmelte von Fehlern. Ich empfahl eine möglichst rasche Veröffentlichung und stellte nur zur Bedingung, dass der Autor wenigstens die schwersten Fehler entferne. Die revidierte Fassung kam rasch. Der Autor hatte die Fehler entfernt, die ich angekreidet hatte, aber mehrere neue, noch schwerere eingebaut. Was soll man davon halten? Der Autor könnte ein chaotisches Genie sein; er könnte dem Kapitel „Genie und Wahnsinn“ angehören, wie sich die Österreicher im 19.Jahrhundert ausdrückten. Es könnte aber auch sein, dass dieser Autor das Manuskript eines anderen entdeckt, nicht richtig verstanden und seinen Verschnitt als eigene Leistung losgeschickt hatte. Fest steht jedenfalls: Irgendjemand muss die Lösung des grundsätzlich wichtigen Problems entdeckt haben. Das Dilemma verunsichert mich sehr. Ich erklärte mich für befangen und bat den Herausgeber selbstständig zu entscheiden oder einen anderen Referee zu befragen.


Das, was ich gerade beschrieben habe, wird im Wissenschaftsbetrieb „Refereeing“ genannt. Ins Deutsche wird „Referee“ als „Gutachter“ übersetzt. Ich hasse „Gutachten“ und „Schiedsrichter“, weil es prahlerische Wörter sind. Richtig wären eher „Report“ und „Reporter“.

Es ist im Wissenschaftsbetrieb üblich, dass die Referees anonym bleiben, was sie sogar noch unter die staatlichen Richter stellt, die immerhin ihre Namen unter ihre Urteile schreiben müssen. Ich habe schon vor Jahren eine Kampagne gegen die anonymen Referees gestartet ohne jedoch eine grundsätzliche Änderung durchsetzen zu können. Ich setze jedenfalls meinen Namen unter jeden Report, den ich schreibe, habe aber erleben müssen, dass die SekretärInnen in den Büros der Zeitschriften meinen Namen löschten, bevor sie meine Berichte an die Autoren weiterreichten.

Ulrich Brosa

Schlagwörter: , , ,

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: