Archive for Juli 2011

Der RoboStaatsanwalt bezwingt die Mächte des Bösen

20 Juli 2011

RoboStaatsanwalt

Dass die Justiz nichts taugt, steht seit Jahrtausenden fest. Der Grund indes, weshalb sie sich trotz systematischen Unrechts so lange halten konnte, ist die Schlechtigkeit der Opposition. Viele Menschen erleiden Unrecht bis zum Tod. Doch den anderen ist das egal, solange es sie nicht selbst trifft. Wenn es sie selbst trifft, jammern sie von einem “historisch einmaligen Verbrechen” und plärren: “Ich will NUR MEIN Recht!”, während Gerechtigkeit entweder für alle da ist oder für niemanden.

Ich habe das Plärren satt. Ich bereite Lösungen vor, die die Justiz verbessern werden. Für eine Vorlesung über Java (auf Deutsch: KalterKaffee) habe ich die Klasse RoboStaatsanwalt programmiert. Das Programm ist öffentlich zugänglich und kann, wie Guttenbergs Ghostwriter es vorgeführt hat, mit zwei Maus-Klicks geklaut werden.

Was vollbringt der RoboStaatsanwalt? Ein Beispiel: Bei der Internet-Seite http://sci.althand.com/java.html handelt es sich nur zum Schein um Lehr-Material zu einer Vorlesung. In Wahrheit befindet sich dort (getarnt) ein linksextremistisches Manifest. Wer immer http://sci.althand.com/java.html anschaut, macht sich verdächtig. Doch wer http://sci.althand.com/java.html auf seiner eigenen Internet-Seite verlinkt, ist der Bildung einer terroristischen Vereinigung (§ 129a StGB) überführt. Der RoboStaatsanwalt nimmt sich verdächtige Internet-Seiten vor (zum Beispiel: Verbrecher.html) und stellt fest, ob darin der strafbare Link enthalten ist. Im Fall erfolgreicher Ermittlung beantragt der RoboStaatsanwalt beim RoboRichter einen Haftbefehl.

Der nächste Schritt wäre die Entwicklung der Klasse RoboRichter. Der RoboRichter nimmt den Verhaftungsantrag in Empfang, greift auf Datenbanken zu, in denen die Strafprozessordnung StPO, das Strafgesetzbuch StGB sowie richtungsweisende Entscheidungen gespeichert sind, und vergleicht sie mit dem Antrag des RoboStaatsanwalts. Darauf schickt der RoboRichter dem RoboStaatsanwalt den maschinell unterschriebenen Haftbefehl zu – alles vollautomatisch, versteht sich. Überhaupt ist verblüffend, wie einfach sich riesige Bereiche der Justiz automatisieren lassen, vor allem jedoch die Berufsrichter.

Im dritten Schritt würde der RoboStaatsanwalt die RoboPolizeibeamten mit dem Vollzug beauftragen. Während die Rationalisierung der Justiz zur RoboJustiz wenig Anstrengung bereitet, müssen beim Aufbau der RoboPolizei Hürden überwunden werden. Nichtsdestoweniger ist die Konstruktion des RoboPolizisten vorgezeichnet. Und zwar hat die Industrie Staubsauger entwickelt, die einfach programmiert werden können und ansonsten sich selbst steuern. Die Festnahme des Straftäters erfolgt im atmungsaktiven Staubbeutel.

[So sieht sie aus, die Polizeistation der Zukunft. Im Vordergrund drei einsatzbereite RoboPolizeibeamte.]

Doch sogar diese RoboBeamten können perfektioniert werden. Man kann sie zum Beispiel mit leicht programmierbaren, sich ansonsten selbst steuernden Kugel-Drohnen kombinieren. Einem solchen RoboBeamten macht es nichts aus, wenn der zu verhaftende Straftäter seine Haustür verbarrikadiert. Der kombinierte RoboBeamte macht sich irgendein offenes Fenster zunutze (notfalls schlägt er es ein) schwebt ein und greift zu (saugt).

Die skizzierte Lösung hat nur Vorteile. Am meisten drängt natürlich die Kostenfrage. Ein konventioneller Staatsanwalt, der aus Wasser und langfädigen Molekülen besteht, ist ungeheuer teuer. Allein die monatlichen Unkosten übersteigen das, was der durchschnittliche HartzIV-Empfänger erhält, um mehr als das Zehnfache. Dabei macht der Staatsanwalt konventioneller Technologie nur Scheiß (im jeden Sinn des Worts). Wäre es nicht besser für alle, wenn der Leitende Oberstaatsanwalt Koeppen, die Oberstaatsanwälte Jörg und Willanzheimer, die Staatsanwälte Zmyj-Köbel, Franosch und viele andere einfach nur vor ihren TVs säßen, sich mit Bier und Schipps vollstopften und von der Glotze nur aufstünden, um aufs Klo zu gehen?

Auf hunderttausende Euro belaufen sich die Unkosten und ungeheuerlich ist der Aufwand, der getrieben werden muss, wenn ein Staatsanwalt konventioneller Technologie entlassen werden soll. Beim RoboStaatsanwalt dagegen kommt einfach der automatische Garbage Collector (die elektronische Müllabfuhr). Der Garbage Collector fegt einen nutzlosen RoboStaatsanwalt automatisch aus dem Arbeitsspeicher. Die Kosten dafür sind, selbst bei steigenden Energie-Preisen, geringer als 1 Cent.

Als alternative Lösung des Polizei-und-Justiz-Problems wäre möglich die Auflösung der Behörden sowie die Errichtung wahrhaft demokratischer Institutionen. Doch das würde vielen Leuten viel Arbeit machen. Da habe ich schon gefragt. Dazu hat niemand Lust.

Ulrich Brosa

Ich habe einen Fehler gemacht

13 Juli 2011

Papst Benedict XVI

Papst Benedict XVI hat zu einer Zeit, als er noch Chef der Heiligen Glaubenskongregation war, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärt, das Christentum sei bei seiner Gründung das Gleiche gewesen wie die Aufklärung 1600 Jahre später. Die physische Welt-Erfahrung widersprach vor 2000 Jahren den christlichen Lehren nicht. Mohammed hat kurz nach 600 den Arabern erklärt, sie sollten zum Islam übertreten, weil es beim Islam gar nichts zu glauben gebe. Die Lehren des Islam erschlössen sich durch nüchterne Überlegung. In der Tat versuchten die Konkurrenz-Unternehmungen vor 2000 beziehungsweise 1400 Jahren Aufmerksamkeit mit abgeschmacktem Hokuspokus zu erregen: In der einen Religionsgemeinschaft sollten die Männer sich selbst kastrieren, bei anderen sollte man hunds- oder schlangenköpfige Gottheiten anbeten etc..

Auch erfolgreiche Religionen verschleißen. Z.B. ist die Schöpfungsgeschichte, die das Christentum über das Judentum aus dem Babylonischen übernommen hat, nicht mehr haltbar. So ist die Frage spannend, was sich als nächste Religion durchsetzen wird. Klar muss es etwas sein, was jetzt wie Aufklärung wirkt. Höchstes Entzücken meinerseits hat darum die Bebilderung eines Musikstücks “Mea Culpa” von David Byrne und Brian Eno erregt.

Ein Typ namens Bruce Connor hat einen altmodischen Lehrfilm über Physik zerschnitten, die Stücke in verkehrter Reihenfolge zusammengeklebt und dieses Machwerk benutzt, um “Mea Culpa” zu illustrieren. Der altmodische Lehrfilm ist allerdings exzellent. Nur werden die meisten Zuschauer nicht wissen, was die Stücke bedeuten. Hier wird es erklärt:


00:09 Von einem 2-dimensionalen Objekt zu einem 1-dimensionalen, vom 1- zum 0-dimensionalen.
00:32 Moleküle in einem verdünnten Gas.
00:41 Elektronen steigen von der Kathode zur Anode (+) auf. Nicht alle schaffen es.
00:50 Kondensierung eines Gases an einer kalten Wand.
01:10 Die Energie eines idealen Gases hängt von seinem Volumen nicht ab.
01:14 Ein etwas dichteres Gas.
01:45 Verhalten von Molekülen beim Schmelzen eines festen Körpers.
02:21 Gegenseitige Vernichtung von Plus und Minus
02:26 Huygens’ Prinzip: Eine Welle breitet sich aus, indem jeder Punkt dieser Welle eine Elementarwelle erzeugt. Die neue vollständige Welle erscheint als Einhüllende aller Elementarwellen.
02:45 Moleküle in einer Flüssigkeit.
02:55 Hitze verstärkt die Bewegung der Moleküle
03:06 Ein gerichteter Strom von Elektronen lässt eine Lampe glühen.
03:21 Hitze erzeugt Auftrieb durch Verdünnung des Gases.
03:42 Moleküle in einem dichten Gas nahe der Verflüssigung.
03:52 Brownsche Bewegung: Makroskopische Teilchen zittern ein wenig, wenn sie von Molekülen gestoßen werden.
04:25 Die Lichtstrahlen stehen senkrecht auf den Wellenfronten; siehe Huygens’ Prinzip um 02:26.

http://www.myvideo.de/embed/4296354
Brian Eno + David Byrne : Mea Culpa

Physik ist eindeutig die bessere Religion. Am offensichtlichsten ist das in der Szene, die am häufigsten wiederholt wird: Micky-Maus-Elektronen steigen von der Hölle (der heißen Kathode) in den Himmel (die Anode mit einem + als Zeichen der Erlösung).

Das Mea-Culpa-Filmchen ist trotz mäßiger Klickraten heftig umkämpft und wurde in den vergangenen Jahren immer wieder gelöscht. Anscheinend hat der Rechte-Inhaber EMI jetzt mit Youtube (d.h. Google) abgesprochen, dass das Filmchen nur von gewissen Websites gezeigt werden kann. WordPress ist eine solche Website.

Wir kommen jetzt zum justizkritischen Teil dieses Artikels.

Die Idee zu ihrem Mea-Culpa-Musikstück bekamen Byrne und Eno beim Abhören einer vermutlich illegal mitgeschnittenen Radiosendung 1979. Beim Interview eines Politikers durften ZuhörerInnen anrufen und den Politiker direkt befragen. Ein empörter Zuhörer machte dem Politiker Vorwürfe, worauf dieser antwortete:

Es tut mir Leid. Ich sündigte. Ich habe einen Fehler gemacht. Ich bat Sie mir zu verzeihen. Bitte verzeihen Sie mir. Mea Culpa [es ist meine Schuld], können Sie es besser ausdrücken? Ich sage: Es tut mir Leid, ich habe einen Fehler gemacht, ich machte, ich beging eine Sünde. Ich habe einen Fehler gemacht und will es nie wieder tun. Ich habe es niemals zuvor getan und werde es nie wieder tun [...]

Englisch:

I’m sorry. I committed a sin. I made a mistake. I asked to forgive me. Please forgive me. Mea Culpa, can you put it better? I’m saying I’m sorry, I made a mistake, I made I committed a sin, I made a mistake and I’m never gonna do it again. I never did it before and I’m never gonna do it again [...]

Fast das ganze Mea-Culpa-Musikstück besteht aus dem wütenden Gezeter des Anrufers und dem sich endlos wiederholenden Entschuldigungssermon des Politikers. Das sind beste Grundlagen für repetitive Musik.

Zu Herzen gehende Entschuldigungen sind ein wichtiges Mittel der Politik. Karl-Theodor von und zu Guttenberg hat es damit versucht:

“Ich habe weder bewusst noch vorsätzlich getäuscht”, hält Guttenberg dagegen. Wer anderes behauptet, betreibe üble Nachrede. “Ich habe mehrfach gesagt, dass ich diese Doktorarbeit selber geschrieben habe”, sagt der Minister – seine Stimme geht in höhnischen Spottrufen unter. [...] Er habe sich “aufrichtig und von Herzen entschuldigt”, betont Guttenberg – und fügt blumig hinzu: “Ich wiederhole das gerne in diesem hohen Hause.” Der Minister steht vor seinem Tisch, die Hände erst gefaltet [...]

Zeit 23.2.2011

Zu Herzen gehende Entschuldigungen sind aber auch von erfahrenen Verteidigern empfohlene Mittel im Strafprozess. Routinierte Angeklagte können damit lang andauernde Orgasmen bei den Richtern (und Richterinnen) auslösen und so substanzielle Strafmilderung erreichen. Wie ein Richter bei einem gefühlvollen Geständnis in Orgasmus gerät, kann man sehen in der Verfilmung des Prozesses gegen die Attentäter vom 20. Juli 1944:

Um 5:50 fängt einer der Angeklagten zu weinen an. Freislers Stimme wird weich: “Sie weinen! [..]” und er bekommt den richterlichen Standard-Orgasmus. Die RichterInnen lieben derartige Reue-Kundgebungen, weil sie signalisieren, dass sich der Angeklagte ihnen unterwirft. Gerichtsverhandlungen sind zu großen Teilen Sado-Maso-Spiele.

Ungefährlich sind solche zu Herzen gehenden Geständnisse trotzdem nicht. Der Angeklagte erreicht zwar oft eine Strafmilderung wegen seiner “Einsicht” und der “günstigen Sozialprognose”. Doch weil der Orgasmus so großen Spaß gemacht hat, steht er bald wieder vor Gericht, um den nächsten Orgasmus auslösen usw.usw.usw..

Der Freisler-Film ist aus vielen Gründen sehenswert. Zum Beispiel der Gänse-Marsch des Gerichts, das Männchen-Machen und das alberne Hütchen-Abnehmen ab 0:54. Derartiges Theater wird heute noch im Bundesverfassungsgericht aufgeführt, nur dass die RichterInnen heutzutage kein Heil-Hilter mehr machen. Freislers Imponiergehabe kann man heute noch in hessischen Gerichten bewundern, aufgeführt allerdings von anderen Schauspielern. Es hat sich wenig geändert. Nur gibt es, EU sei Dank, keine Todesstrafe mehr. Das ist eine sehr wichtige Verbesserung.

Bemerkenswert ist der Freisler-Film auch wegen § 169 Gerichtsverfassungsgesetz, wonach bei Gerichtsverhandlungen nicht gefilmt werden darf. Der obige Freisler-Film wurde produziert, um ihn im Fernsehen und in Kinos vorzuführen. Goebbels hat den Film vor der Ausstrahlung angesehen, ihn als schädlich für die deutsche Justiz erkannt und seine Distribution unterdrückt. Dass am meisten die RichterInnen blamiert würden, wenn Filmaufnahmen ihrer Verhandlungen erlaubt würden, ist bis heute der Grund, weshalb § 169 GVG aufrecht erhalten wird.


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